Es gibt viele Orte im südlichen Rhônetal, die mich berührt haben. Aber Cairanne hat mich auf eine besondere Weise verzaubert. Nicht weil es das bekannteste Dorf wäre. Nicht weil es die teuersten Weine hätte. Sondern weil dort vieles zusammenkommt, was wir an Südfrankreich lieben. Die Landschaft, die Menschen, der Wein, das Essen. Und dieses Gefühl, dass die Zeit ein bisschen langsamer läuft. Jedes Mal, wenn ich zurückkomme, spüre ich diese Sehnsucht wieder, die mich schon beim ersten Besuch gepackt hat.
Ein Dorf, das sich auf einen Hügel schmiegt
Cairanne liegt im Vaucluse, mitten im Herzen der südlichen Rhône. Ein kleines Dorf mit engen Gassen und alten Steinhäusern, das sich auf einen Hügel schmiegt. Wenn du oben stehst und über die Weinberge schaust, siehst du nichts als Reben, Garrigue und diesen Himmel, der in der Provence immer ein bisschen blauer wirkt als anderswo. Unten im Dorf gibt es einen kleinen Platz, ein paar Häuser, eine Kirche. Keine Touristenbusse, keine überlaufenen Verkostungsräume. Hier ist alles echt.
In der Ortsmitte sind unsere Winzer Domaine Boisson und Domaine Philippe Plantevin ausgeschildert
Was Cairanne von vielen anderen Weindörfern unterscheidet: Seit Juni 2016 ist es ein eigenständiger Cru. Vorher liefen die Weine als Côtes du Rhône Villages Cairanne, also gut, aber einer von vielen. Der Cru-Status war die offizielle Anerkennung dessen, was die Winzer hier schon lange wussten. Rund 1.088 Hektar Rebfläche auf drei verschiedenen Bodentypen, Kalkstein, Lehm und Kiesel, dazu das mediterrane Klima und der Mistral, der die Trauben gesund hält. Das ergibt Weine mit Tiefe, Würze und einer Eleganz, die man in der südlichen Rhône nicht überall findet.
Grenache, Syrah und Mourvèdre geben den Ton an, wie überall hier unten. Grenache bringt Frucht und Wärme, Syrah steuert dunkle Beeren und Pfeffer bei, und Mourvèdre sorgt für den langen Nachhall, für diesen Charakter, der den Wein auch nach Jahren noch spannend macht. Aber wie die einzelnen Winzer diese drei Rebsorten zusammenbringen, das ist in Cairanne so unterschiedlich wie die Menschen selbst.
Bruno Boisson: Der Mann mit den alten Reben
Wenn Bruno Boisson dich durch seine Weinberge führt, dann merkst du sofort: Dieser Mann ist stolz auf das, was hier wächst. Nicht auf eine laute Art, sondern auf diese stille, tiefe Weise, die man bei Menschen spürt, die wirklich mit dem Land verbunden sind. Er zeigt dir die alten Reben, erzählt von seinem Großvater René, der 1957 mit fünf Hektar angefangen hat. Heute sind es 28 Hektar, seit 2020 komplett biologisch zertifiziert.
Bruno Boisson in seinen Weinbergen mit Florian von Vindumi 2021
Brunos Weinberge liegen im Hügelland rund um Cairanne, und was sofort auffällt: Seine Reben stehen frei, ohne Drahtrahmen, wie kleine Büsche in der Landschaft. Das ist der sogenannte Gobelet-Schnitt, die traditionelle Erziehungsform hier in Südfrankreich. Die Idee dahinter ist simpel und genial zugleich: Weil die Rebe frei steht, bildet sie eine Art natürliches Blätterdach über den Trauben. Und wenn im Sommer die Sonne erbarmungslos brennt, dann haben die Trauben ihren eigenen Schatten. Die Natur regelt das selbst, ohne Technik, ohne Aufwand. Wenn du zwischen diesen knorrigen alten Rebstöcken stehst, die teilweise seit Jahrzehnten so wachsen, dann verstehst du, warum Bruno an dieser Methode festhält.
Alte Gobelet-Reben, die wie kleine Büsche frei stehen
Gleichzeitig ist Bruno alles andere als rückwärtsgewandt. Er gehört zu den Winzern, die ständig weiterdenken. Auf seinen Flächen testet er verschiedene Rebsorten im Versuchsanbau, probiert aus, was hier in zwanzig, dreißig Jahren wachsen könnte. Er denkt nicht in Jahrgängen, er denkt in Generationen. Diese Mischung aus Tradition und Neugier, das macht ihn besonders.
Und seine Weine? Die machen einfach Spaß. Fruchtbetont, trinkfreudig, sofort zugänglich. Du öffnest eine Flasche und willst sofort ein zweites Glas. Aber dann merkst du, dass da noch mehr ist. Schicht um Schicht, Tiefe, Komplexität. Das sind Weine, die dich erst verführen und dann überraschen.
Philippe Plantevin: Kraft, Struktur und Geduld
Philippe Plantevin oder seine geordneten Rebzeilen in der Ebene
Fährst du von Brunos Hügeln hinunter in die Ebene, ändert sich das Bild. Bei Philippe Plantevin stehen die Reben in ordentlichen, strukturierten Zeilen, aufgeräumt und effizient. 36 Hektar bewirtschaftet er, verteilt auf vier Gemeinden, aber Cairanne ist sein Herzstück. Seit 2014 arbeitet er biologisch, kein chemisches Herbizid kommt auf seine Böden.
Philippe macht einen ganz anderen Stil als Bruno, und genau deshalb ist es so spannend, dass wir beide im Programm haben. Seine Cairanne-Weine sind klassische Lagerweine. Kraft und Struktur stehen im Vordergrund, das sind Weine, die gebaut sind, um zu reifen. Aber Philippe denkt mit: Er bringt seine Weine erst dann in den Verkauf, wenn sie schon eine gewisse Reife erreicht haben. Du musst also nicht Jahre warten, bis du sie trinken kannst. Sie sind bereit, wenn du sie öffnest, aber sie können auch noch liegen.
Was uns an den Weinen von Philippe beindruckt ist die typische Stilistik, die man in jedem Jahrgang wiederfindet. Es sind echte Weine mit Charakter, Tiefe und Intensität. Das ist ein wenig gegen den Zeitgeist, aber wir glauben, dass es immer Bedarf an klassischen Rhône-Weinen geben wird.
Zur Domaine Philippe Plantevin
Was Bruno und Philippe verbindet
Trotz aller Unterschiede haben die beiden etwas gemeinsam, das uns von Anfang an begeistert hat: Sie sind herzliche, offene Menschen. Kein Getue, keine Allüren. Du kommst an, und nach fünf Minuten fühlst du dich willkommen.
Bruno Boisson 2023 auf der Vindumi Weinmesse in Limbach
Bruno und Philippe waren beide schon mehrfach bei uns in Limbach auf der Vindumi Weinmesse zu Gast. Das ist uns wichtig: Die Winzer, mit denen wir arbeiten, kennen wir persönlich. Wir sitzen zusammen, wir essen zusammen, wir reden über Wein und über alles andere. Das ist keine reine Geschäftsbeziehung. Das sind Freundschaften, die über die Jahre gewachsen sind. Und wir glauben, dass man das schmeckt. Wenn du bei uns einen Cairanne von Boisson oder Plantevin kaufst, dann steckt da eine Geschichte dahinter. Menschen, die wir kennen und schätzen, die ihren Wein mit Leidenschaft machen.
Tourne au Verre: Wo alles zusammenkommt
Jetzt muss ich dir noch von einem Ort erzählen, bei dem wir jedes Mal ein bisschen ins Schwärmen geraten. Mitten in Cairanne gibt es ein Restaurant, das alles vereint, was wir an der südfranzösischen Lebensart lieben: das Tourne au Verre.
Tourne au Verre - Eine Weintafel wie in der Vindumi-Weinbar
Stell dir vor: Du sitzt draußen auf der Terrasse unter uralten Platanen. Der Abend ist warm, die Luft riecht nach Thymian und warmem Stein. Vor dir steht ein Glas Cairanne, und der Kellner bringt einen Teller mit etwas, das der Koch heute Morgen auf dem Markt entdeckt hat. Die Speisekarte wechselt täglich, drei Gerichte zur Auswahl, alles hausgemacht, alles aus der Region. Freitags gibt es Kabeljau mit Aioli, und allein dafür lohnt sich die Reise.
Das Tourne au Verre ist Restaurant und Weinbar zugleich. Eine verglaste Weinkammer zeigt die ganze Vielfalt der Gegend, und natürlich stehen auch die Weine von Bruno und Philippe auf der Karte. Die Preise sind fair, mittags hatten wir ein Menü mit drei Gängen für 26 Euro, kleinere Gerichte gibt es ab 15 Euro. Aber es geht gar nicht um die Preise. Es geht um das Gefühl. Du sitzt da, du isst gut, du trinkst gut, du unterhältst dich, und irgendwann merkst du, dass die drei Stunden, die das Restaurant nur geöffnet ist, vergangen sind und du nirgendwo anders sein willst. Das ist südfranzösische Lebensart. Nicht die inszenierte, nicht die aus dem Reisekatalog. Die echte.
Und was isst man dazu?
Cairanne-Weine sind unglaublich vielseitig am Tisch. Ein kräftiger Roter mit viel Grenache ist perfekt zu gegrilltem Lamm, zu Merguez vom Rost oder zu einem Ratatouille, das lange im Ofen geschmort hat. Die Frucht und Wärme des Weins passen hervorragend zu den Röstaromen vom Grill.
Ein reiferer Cairanne, der schon ein paar Jahre hinter sich hat, ist ein Traum zu kräftigem Käse. Comté, Beaufort, ein gut gereifter Ziegenkäse. Die Würze des Weins und die Cremigkeit des Käses ergänzen sich auf eine Art, die süchtig macht.
Und natürlich: Ein Wein aus der Provence passt am besten zu Gerichten aus der Provence. Daube Provençale, Tapenade auf frischem Baguette, Auberginen mit Ziegenkäse überbacken. Das ist die Welt, aus der dieser Wein kommt, und in ihr fühlt er sich am wohlsten.
Aber der schönste Anlass ist eigentlich gar keiner. Ein warmer Abend, eine gute Unterhaltung, ein Glas Cairanne. Mehr braucht es manchmal nicht. Genau das verstehen die Südfranzosen so viel besser als wir: Wein trinken muss kein Anlass sein. Es ist Alltag. Und zwar der schönste.
Fahr hin. Oder hol dir Cairanne nach Hause.
Markierstein bei der Domaine Boisson
Wenn du das nächste Mal in der südlichen Rhône bist, fahr nach Cairanne. Lass dir von Bruno seine Reben zeigen, probier bei Philippe die neuen Jahrgänge, und setz dich abends ins Tourne au Verre. Bestell eine Flasche von dem, was du tagsüber entdeckt hast, und lass den Abend lang werden.
Und wenn du nicht hinfahren kannst? Dann hol dir ein Stück Cairanne nach Hause. Die Weine von Boisson und Plantevin findest du bei uns im Shop. Ein Glas davon, und du bist für einen Moment dort. Versprochen.
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